Nahrungsmittelspekulationen befeuern Hungersnot

11.04.2017: Derzeit erleben wir am Horn von Afrika eine erneute Hungerkatastrophe, die für die betroffenen Menschen vor Ort zum Todeskampf wird. Mehr als 20 Millionen Menschen sind direkt betroffen. Die Gründe für diese Katastrophe sind vielseitig. Nahrungsmittelspekulationen gehören dazu.

Nahrungsmittelspekulation Hungerkatastrophe Ostafrika

Hungerkatastrophen, wie jene, die aktuell in Ostafrika Millionen von Menschenleben bedroht, werden von verschiedenen Faktoren hervorgerufen und befeuert. Bürgerkriege, der Klimawandel, das Wetterphänomen El Niño und unterdrückende Staatenregime, aber auch Nahrungsmittelspekulationen von Banken, Hedgefonds und Investmentgesellschaften sowie anderen Akteuren der Finanzbranche gehören zu den Auslösern und Verstärkern.

Nahrungsmittelspekulationen treffen vor allem die Ärmsten

Bereits seit zu Beginn der 2000er Jahre wird zunehmend mit den lebensnotwendigen Agrarrohstoffen wie Reis, Weizen oder Getreide an den internationalen Börsen und Warenterminmärkten spekuliert. Dabei wird auf fallende oder steigende Preise gesetzt, um schnelle und hohe Gewinne zu erzielen. Dies führt zu starken Preisschwankungen, da nicht mehr die Mechanismen von Angebot und Nachfrage den Marktpreis bestimmen, sondern weil fiktive Erwartungen der internationalen Börse die Lebensmittelpreise festlegen.

Laut der Organisation Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung (WEED) haben diese Unregelmäßigkeiten der Preise auf dem Weltmarkt für Grundnahrungsmittel weitreichende Auswirkungen, vor allem für Menschen aus Ländern des globalen Südens, die einen hohen Anteil – zumeist mehr als 70 Prozent – ihres Einkommens in Nahrungsmittel investieren müssen, um überleben zu können. Hierzu zählen vor allem Menschen auf dem afrikanischen Kontinent, die in Regionen beheimatet sind, in denen bereits der kleinste Eingriff in ein sensibles Nahrungsmittelgeflecht verheerende Folgen haben kann. Viele der betroffenen Länder zählen zu den Nettonahrungsmittelimporteuren. Starke Schwankungen der Weltmarktpreise wirken sich ungebremst auf die heimischen Märkte aus: Kleinbauern müssen beispielsweise ihre Produktionen zu ungünstigen Zeitpunkten, in denen die Preise niedrig sind, verkaufen, da ihnen die Lagermöglichkeiten fehlen. Übertrieben hohe Preise für Grundnahrungsmittel führen hingegen dazu, dass ganze Bevölkerungsgruppen auf minderwertige Produkte zurückgreifen und im verehrenden Fall ihren Konsum sogar auf ein Minimum begrenzen müssen. Ausgaben für andere wichtige Bereiche, wie beispielsweise für Gesundheit und Bildung, fallen gänzlich weg.

Steigende Weltmarktpreise mindern Nothilfe

Aktuell kämpfen abermals Millionen von Menschen um ihr Leben. Sicher, die aktuelle Hungerkatastrophe am Horn von Afrika und umliegenden Regionen wird von mehreren Faktoren beeinflusst: Langanhaltende Dürren ausgelöst durch den Klimawandel und dem Wetterphänomen El Niño, dem anhaltenden Bürgerkrieg im Südsudan und der Terrorisierung der Bevölkerung im Norden Nigerias durch die radikal-islamistische Boko Haram, sowie korrupte Regime, die Ihre Bevölkerungen enteignen und unterdrücken. Doch auch die Nahrungsmittelspekulationen befeuern die aktuelle Situation. Seit Wochen bitten die Vereinten Nationen die internationale Staatengemeinschaft um finanzielle Hilfe. Die bisherige Unterstützung liegt jedoch weit hinter den benötigten Mitteln, um eine ausreichende Nothilfe zu leisten. Die aktuell wieder steigenden Weltmarktpreise für Lebensmittel erschweren die Situation, um ausreichend Nahrungsmittel für die betroffenen Menschen bereitzustellen.

Politik tut sich mit Verbot schwer

Der bekannte Soziologe und ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung Jean Ziegler sagte vor wenigen Tagen: „Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel könnte morgen früh durch den Bundestag, durch die Parlamente verboten werden.“ Tatsächlich hatte sich in den vergangenen Wochen auf europäischer Ebene etwas getan. Eine breite und fraktionsübergreifende Zustimmung unter EU-Abgeordneten hatte sich entwickelt, um maßlose Nahrungsmittelspekulationen zu unterbinden. Am Ende stimmte die Mehrheit jedoch für den Vorschlag der EU-Kommission und nicht für ein weitreichendes Verbot. Der Vorschlag der EU-Kommission beinhaltet zwar Regulierungen, laut Oxfam seien diese jedoch viel zu gering, um die exzessiven Nahrungsmittelspekulationen auf dem Warenterminmärkten einzudämmen. Auch der Deutsche Bundestag lehnte im Februar unter tatkräftiger Mithilfe der Koalition aus CDU und SPD Anträge der Oppositionsparteien, die unter der Thematik „Bekämpfung von Fluchtursachen“ standen und unter anderem ein Verbot von Nahrungsmittelspekulationen forderten, ab.

 

Foto: Gemeinsam für Afrika | Bünning