CARE: „Auch ich hatte Anfangs meine Zweifel“

Ein spannendes Interview mit Moira Eknes von CARE über die Entstehung ihres Kleinspargruppen-Projekts im Niger.

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Moira Eknes

CARE: „Auch ich hatte Anfangs meine Zweifel“

Moira Eknes arbeitet bei CARE Norwegen und ist die „Mutter“ der Kleinspargruppen, die CARE erstmals 1991 im Niger einführte. Im Interview berichtet sie über die Anfänge, frühe Herausforderungen und den nachhaltigen Erfolg des innovativen Konzeptes.

Als Ihre Idee der Kleinspargruppen umgesetzt wurde, haben Sie selbst als Projektreferentin bei CARE gearbeitet. Unter welchen Umständen kam es damals zur Gründung der ersten Gruppen im Niger?

Die ersten sechs Kleinspargruppen wurden damals in der ländlichen Provinz Guidan Roumji, im Süden des Landes gegründet. Der Niger ist insgesamt ein armes Land und die Leute dort leben von Landwirtschaft und Viehhaltung. CARE betreute damals ein Projekt zur wirtschaftlichen Stärkung von Frauen. Doch es gab Schwierigkeiten, denn die Frauen durften nicht frei über die Felder bestimmen und hatten wenig eigenes Geld. Darum haben wir nach einer Alternative gesucht und schließlich hat sich die Idee durchgesetzt, dass die Frauen als Gruppe sparen sollen.

War es schwer die Frauen zu überzeugen, ihr eigenes Geld der Gruppe zur Verfügung zu stellen? 

Nein, überraschenderweise nicht. Sehr viel schwieriger war es, unsere eigenen Mitarbeiter und Geldgeber zu überzeugen. Die meisten waren der Meinung, dass wir zu viel von den „armen“ Frauen verlangen. Sogar Mikrofinanzexperten waren skeptisch. Und ehrlich gesagt hatte ich auch meine Zweifel, ob es funktionieren würde. Aber es waren bezeichnenderweise die Frauen aus den Gruppen selbst, die mich vom Gegenteil überzeugt haben.

Wie wurden die Frauen auf die große Verantwortung vorbereitet, das gemeinsame Geld zu verwalten? 

Wir haben damals drei junge Frauen aus der größeren Stadt Maradi als Kursleiterinnen engagiert. Sie sind zur Schule gegangen, waren gut ausgebildet und selbstbewusst. Die Frauen in den Gruppen waren dagegen schon älter, Witwen oder Großmütter, und konnten weder lesen noch schreiben. Doch die Zusammenarbeit klappte sehr gut, die Kursleiterinnen lebten für die Zeit des Projektes im Dorf und haben dort die wöchentlichen Treffen organisiert. Zu Beginn hatten wir jedoch kein fertiges Konzept, das haben wir erst nach und nach mit den Frauen aus den ersten Gruppen zusammen entwickelt. Später haben wir dann gezielte Kurse zu Themen wie Gruppenarbeit, Kredite und Buchhaltung angeboten.

Auch Grundsätze wurden festgelegt, auf deren Basis jede Gruppe ihre eigenen Regeln bestimmen konnte.

Wie hat das gemeinsame Sparen praktisch funktioniert? 

Jedes Mitglied hat einen individuellen Beitrag gezahlt, soviel wie jeder bereit war, zu geben. Meistens waren das zwischen 20 und 200 Franc (das entspricht etwa einem bis 30 Eurocent). Die Frauen haben einen Vorstand gewählt, der das Geld in einer Schatulle mit drei Schlössern aufbewahrt und gemeinsam verwaltet hat. Von dem Gesparten wurden dann im Einverständnis mit der Gruppe Darlehen vergeben.

In was haben die Frauen ihr Darlehen investiert? 

Sie haben das Geld vor allem in eigene Felder, verbessertes Saatgut und neue Werkzeuge investiert. Aber auch neue Nutztiere oder Schulgeld für die Kinder wurden davon bezahlt.  Der Kredit wurde in den meisten Fällen pünktlich an die Gruppe zurückgezahlt – inklusive Zinsen. Der soziale Druck, den Kredit rechtzeitig zurückzuzahlen, war und ist in diesen Gruppen sehr groß.

Wie kam es dazu, dass Kleinspargruppen so schnell auch in anderen Dörfern Fuß gefasst haben? 

Das haben wir vor allem den Menschen in den Dörfern selbst zu verdanken. Sie haben in Nachbardörfern gesehen, wie die Frauen zusammen zum Wohl der Gemeinde gearbeitet haben. Dann haben sie eigenständig die Kursleiterinnen angesprochen, ob ihr Dorf auch eine Gruppe aufbauen kann. So kam es dann zu einer raschen Verbreitung, obwohl das Projekt ursprünglich nur drei Jahre dauern sollte.

Was hat die Gruppenarbeit für das Selbstbewusstsein und die Entwicklung der Frauen bedeutet? 

Der Effekt für die Unabhängigkeit der Frauen war gewaltig. Den Frauen wurde bewusst, was sie gemeinsam schaffen können. Durch den Zusammenhalt der Gruppe haben sie gemerkt, dass sie auch stark sind und eigenständig etwas zum Einkommen der Familie beitragen können – unabhängig von ihren Männern. Dieses Wissen hat positive Kräfte freigesetzt, nicht nur unter den Frauen. Auch bei den Männern konnte man eine Einstellungsänderung beobachten. Selbst diejenigen, die uns gegenüber sehr skeptisch waren, haben nach einiger Zeit ihre Frauen ermuntert, beizutreten, weil sie die Vorteile gesehen haben. Sie waren beeindruckt, was ihre Frauen und Schwestern leisteten.

Was ist Ihre persönlich schönste Erfahrung aus dieser Zeit? 

Als eine Frau eines Tages in mein Büro in Maradi kam und mich fragte, ob CARE in ihrem Dorf auch eine Kleinspargruppe aufbauen könne. Sie war über 25 Kilometer gelaufen, nur um mich das zu fragen. Auch später hatte ich noch viele beeindruckende Begegnungen. Einmal erzählten mir  Frauen, dass sie durch die Arbeit mit der Kursleiterin und der Gruppe erkannt haben, wie wichtig eine Ausbildung für Frauen ist. Und daraufhin beschlossen sie, ihre Mädchen in die Schule zu schicken. Das war der Erfolg, den ich mir immer erhofft hatte.

Hätten Sie sich damals schon vorstellen können, dass es Kleinspargruppen heute weltweit gibt? 

Das habe ich mir nie erträumt, es war ja eine spontane Idee. Wir haben die Kleinspargruppen damals eng mit den Frauen aus Guidan Roumji entwickelt und ich dachte, das Konzept entspricht sehr stark ihren Bedürfnissen. Es hat sich aber herausgestellt, dass das System sehr leicht anzupassen ist und viele Frauen (und Männer) auf der ganzen Welt anspricht.  Für die Zukunft hoffe ich, dass Kleinspargruppen auch weiterhin eine Chance für Frauen und Männern in den ärmsten Ländern sind, sich in Gemeinschaft zu stärken, um in Würde zu leben. Mit Kleinspargruppen bringt CARE den Menschen die Hoffnung, der Armut wirklich zu entkommen und selber ihr Leben und das ihrer Gemeinde zu gestalten.

(Foto: CARE)