Was ist der Klima-Risiko-Index?Der Klima-Risiko-Index (KRI) wird seit 2006 jährlich von der Umwelt-, Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisation Germanwatch erarbeitet. Er macht sichtbar, welche Länder besonders stark durch die Folgen des Klimawandels belastet werden. Rückblickend werden klimabedingte Katastrophen, wie Stürmen, Überschwemmungen, Dürren und Hitzewellen, analysiert und deren Auswirkung auf Gesellschaft und Wirtschaft ausgewertet. Hinzugezogen werden Zahlen zu Todesopfern, betroffenen Menschen (Verletzte, Wohnungslose) und wirtschaftlichen Verlusten. Ziel ist es auf die Dringlichkeit von Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen hinzuweisen und die steigenden Belastungen für Natur, Menschen und Wirtschaft aufzuzeigen. Der KRI berücksichtigt dabei explizit auch die Vulnerabilität der Länder in Hinsicht auf extreme Wetterereignisse. Die Vulnerabilität bezieht sich auf Faktoren wie Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten der Länder, um sich vor den Auswirkungen des Klimawandels zu schützen. Um diese zu berechnen, werden die erarbeiteten Daten des KRI mit Daten des Human Development Indexes (HDI) korrigiert. Der HDI ist ein Wohlstandsindikator. Er misst den Lebensstandard, die Lebenserwartung und das Bildungsniveau der Menschen eines Landes und gibt so Hinweise auf die Anpassungsmöglichkeiten bei (Klima-)Katastrophen. Durch diese Korrektur können besonders gefährdete und weniger dokumentierte Regionen wie beispielsweise Regionen auf dem afrikanischen Kontinent genauer abgebildet werden.Hauptergebnisse des KRI 2025Von 1993 bis 2022 starben weltweit mehr als 765.000 Menschen durch klimabedingte Ereignisse. Mehr als 9.400 Extremwetterereignisse verursachten wirtschaftliche Schänden von fast 5,2 Billionen US-Dollar (inflationsbereinigt). Überschwemmungen, Stürme, Hitzewellen und Dürren hatten die stärksten Auswirkungen. Neun der zehn am meisten gefährdeten Staaten in diesem Zeitraum sind sogenannte Entwicklungsländer. Das westafrikanische Land Mauretanien ist eines davon.Für das Jahr 2022 gelten Pakistan, Belize und Italien als die Länder, mit den meisten Verlusten und Folgen durch Klimakatastrophen. Erstaunlich hoch ist die Zahl der Länder mit hohem Einkommen, die von Klimakatastrophen betroffen sind. Sechs der zehn meistbetroffenen Länder im Jahr 2022 liegen in Europa und Nordamerika: Italien, Griechenland, Spanien, Portugal, Bulgarien und die USA. Auch der afrikanische Kontinent ist mit Nigeria auf Platz acht vertreten.Fokus Afrika: Die Folgen des Klimawandels zeigten sich 2022 in Nigeria und am Horn von Afrika besonders starkIn Nigeria kam es 2022 zu verheerenden Überschwemmungen. Dabei kamen mehr als 600 Person ums Leben, über 3,2 Millionen Menschen waren insgesamt betroffen, 1,4 Millionen Menschen davon haben ihren Wohnort verloren. Der Schaden lag geschätzt bei 4,2 Milliarden US-Dollar. Die Fluten wurden von Dürreperioden im Norden Nigerias und in der Sahelzone begleitet. Sie verschärfen die bereits existierende Wasserknappheit und trugen zur Mangelernährung bei – insbesondere bei Kindern. Insgesamt waren rund 20 Millionen Menschen betroffen. Krisensituationen, wie diese, fördern das Entstehen von Konflikten, die zur Destabilisierung der Gesellschaft beitragen.Am Horn von Afrika, in den Ländern Djibouti, Äthiopien, Somalia und Eritrea, besteht seit 2020 ebenfalls eine schwerwiegende Dürre. Diese führte dazu, dass schätzungsweise 23 Millionen Menschen keine gesicherten Nahrungsquellen mehr haben. Untersuchungen haben gezeigt, dass das Ausmaß der Dürren mit einem 1,2 Grad kühlerem Klima drastisch verringert werden würde.Vier afrikanische Länder unter den vulnerabelsten StaatenDie Korrektur der Daten durch den HDI zeigt nun, dass vier afrikanische Staaten in der Liste der 10 meistbetroffenen Länder sind. Dazu zählen die Zentralafrikanische Republik, Nigeria, Äthiopien und die Demokratische Republik Kongo. Außerdem erscheint weiterhin Pakistan an erster Stelle der Auswertung. Auch drei südeuropäische Länder bleiben in der Spitzengruppe (Italien, Griechenland, Spanien).Zentralafrikanische RepublikDie Zentralafrikanische Republik (ZAR) gilt aus mehreren Gründen als vulnerabel. Einerseits ist die ZAR eines der Länder mit dem geringsten Bruttoinlandsprodukt (BIP) weltweit, mit nur 495 US-Dollar im Jahr 2019. Schätzungen zu Folge leben siebzig Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Darüber hinaus stuft der HDI das Land durch fehlende Infrastruktur für Bildung, Gesundheit und Lebensstandards als besonders gefährdet ein. Im Kontext des Klimawandels ist darüber hinaus vor allem die Abhängigkeit der Bevölkerung – mehr als achtzig Prozent – von Land- und Forstwirtschaft relevant. Der Anstieg von extremen Wetterphänomenen und unregelmäßige Regenschauer bedrohen die Wasser- und Nahrungssicherheit, sowie die Wirtschaft des Landes.ÄthiopienAuch in Äthiopien ist die Mehrheit der Bevölkerung – mehr als achtzig Prozent – von dem Landwirtschaftssektor und Forstwirtschaft abhängig. Dementsprechend haben klimatische Extreme, wie Dürren und Überschwemmungen einen verheerenden Einfluss auf die Grundversorgung der Menschen. Durch den Klimawandel sind die Wetterextreme gestiegen. 2021 war die Nahrungssicherheit von 10,2 Millionen Menschen in Äthiopien nicht gegeben und um die 500.000 Menschen mussten ihre Heimat daraufhin verlassen. Die hohe Armut und unzureichende Infrastruktur im Land sind Faktoren, die die Folgen solcher Katastrophen verstärken und die Handlungsmöglichkeiten einschränken. NigeriaWie bereits beschrieben ist Nigeria in den vergangenen Jahrzehnten ebenfalls verstärkt vom Klimawandel und den damit einhergehenden vermehrt auftretenden Dürren und Überschwemmungen betroffen. Die Auswirkungen verhalten sich ähnlichen, wie in ZAR und Äthiopien. Ein Unterschied ist, dass das Land zwar wirtschaftlich stark, die Bevölkerung jedoch trotzdem überwiegend arm und von der Landwirtschaft abhängig ist. Der Umgang mit klimatischen Katastrophen wird durch die Unsicherheit im Norden und Süden durch Boko Haram und kriminelle Organisationen sowie die Abhängigkeit von der Erdölindustrie erschwert.Demokratische Republik KongoDie Demokratische Republik Kongo (DRK) ist von unregelmäßigen starken Regenschauern und daraus resultierenden Überschwemmungen und Erdrutschen betroffen. Diese bedrohen die Nahrungssicherheit durch die Zerstörung von Ernten und Infrastruktur. Gezwungenen Migration innerhalb des Landes oder ins Ausland ist eine der Folgen. Auch in der DRK werden durch den unsicheren Zugang zu Ressourcen Konflikte verschärft. Aufgrund der steigenden Temperaturen wird außerdem angenommen, dass vernachlässigte Tropenkrankheiten (Neglected Tropical Diseases), die durch Viren, Bakterien, Pilze oder Parasiten ausgelöst werden, wieder vermehrt auftreten. Zusätzlich bildet der Abbau von Rohstoffen wie Cobalt oder Lithium für elektrische Technologien, die eine nachhaltige Alternative für fossile Brennstoffe sein sollen, eine Bedrohung für die Umwelt und Gesundheit der Menschen in der DRK. Seit 2007 ist die Bergbauindustrie um 300 Prozent gestiegen.Einordnung der ErgebnisseDer Index macht deutlich, dass inzwischen auch zahlreiche Industrieländer von Klimakatastrophen schwer getroffen werden. Durch ihre wirtschaftliche Kraft sind diese Länder jedoch besser in der Lage, Schäden zu kompensieren. Langfristiger und schwerwiegender hingegen sind die Auswirkungen für Staaten des Globalen Südens, denen Anpassungs- und Bewältigungsstrategien oft fehlen. Die Todesrate bei klimabedingten Katastrophen ist hier bis zu 15-mal höher als in weniger vulnerablen Ländern, wie Italien. Als vulnerabel werden Länder der Kontinente Afrika, Lateinamerika und Südostasien, bis zum 43. Platz im KRI eingestuft. 2022 sind zwölf davon auf dem afrikanischen Kontinent.Globale Unterschiede in Ressourcen & DatenerhebungEin valider Vergleich der Auswirkungen des Klimawandels und von Klimakatastrophen in den Ländern ist abhängig von den zur Verfügung stehen Daten. Zwar wird durch den HDI versucht, Datenlücken zu füllen. Dennoch bestehen weiterhin große globale Unterschiede in verfügbaren Datenmengen, da in bestimmten Regionen weniger Aufzeichnungen von und Warnsysteme für Wetterereignisse vorhanden sind. Dazu zählen häufig Länder des Globalen Südens. Beispielsweise gibt es in den USA und Europa rund 636 Wetterstationen für 1,1 Milliarden Menschen. Auf dem afrikanischen Kontinent hingegen gibt es lediglich 37 Wetterstationen für 1,2 Milliarden Menschen. Das kann zu einer Fehlrepräsentation der durch Klimakatastrophen betroffenen Ländern führen, was bedeutet, dass manche Länder potenziell mehr von Klimawandel und -katastrophen betroffen sind, als bisher beobachtet wurde. Darüber hinaus wird Klimaforschung hauptsächlich im Globalen Norden durchgeführt. Besonders der afrikanische Kontinent wird so in der Forschung vernachlässigt.Globaler Norden muss (Klima-) Verantwortung übernehmenObwohl die ungleiche Datenbasis und die oftmals unzureichende Forschung im Globalen Süden ein zentrales Problem bei der Prävention von und dem Umgang mit Klimakatastrophen sind, kann Germanwatch ein einigermaßen realistisches Bild der weltweiten Klimarisiken liefern. Dabei wird sichtbar, dass trotz der vermehrten Betroffenheit von Ländern aus dem Globalen Norden, vor allem Länder des Globalen Südens langfristig und schwerwiegender von Klimakatastrophen betroffen sind. Diese Ergebnisse verdeutlichen die erhebliche Ungerechtigkeit in der Klimakrise. Viele Länder des Globalen Nordens tragen (historisch) die größte Verantwortung für Treibhausgasemissionen. Darüber hinaus verfügen die Industrieländer über größere finanzielle und technische Ressourcen. Dadurch sind sie besser in der Lage, sich an die zunehmende Intensität extremer Wetterereignisse anzupassen sowie verursachte Verluste und Schäden zu bewältigen. Der Klima-Risiko-Index unterstreicht die Notwendigkeit angemessener Unterstützung für vulnerable Staaten bei der Klimaanpassung und beim Aufbau von Frühwarnsystemen. QuellenGermanwatch: Climate Risk Index 2025 (Februar 2025)Lateinamerika-Institut (LAI)/E-Learning: VWL Basiswissen für Nicht-Ökonom_innen: Human Development Index (HDI)CCPI: What Gets Measured Gets Managed? Exploring the Climate Change Performance Index and Climate Risk Index (März 2025)Concern Worldwide: Climate change in Ethiopia: What happened in 2021, and what’s the forecast for 2022? (Februar 2022)Othering & Belonging Institute at UC Berkeley: Climate Crisis, Displacement, and the Right to Stay, Congo DR Reliefweb: Central African Republic Country Climate and Development Report (Oktober 2024)World Bank Group: Climate Risk Country Profile Nigeria (2021)Verfasst am 25. August 2025