Unsere Mobilität beginnt und endet in Afrika

Vom Abbau von Rohstoffen unter oft desaströsen Bedingungen bis zum Export von in Europa nicht mehr zulässigen Gebrauchtwagen in afrikanische Länder - unsere Mobilität beginnt und endet in Afrika.

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Unsere Mobilität beginnt und endet in Afrika

Mehr als 48 Millionen Autos sind in Deutschland derzeit zugelassen (Stand 2021) und während sich zwischen den Jahren 1976 und 2018 die Zahl der jährlich durchschnittlich zurückgelegten Kilometer pro Person verdoppelt hat, ist im gleichen Zeitraum die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs – Fuß, Rad, Bus und Bahn – von 24 auf 20 Prozent zurückgegangen. (2) Da der Trend zusätzlich in Richtung größerer, schnellerer, leistungsstärker und damit CO2-intensiverer Autos geht, ist es nicht verwunderlich, dass der Verkehrssektor im Jahr 2021 mit einem Anteil von 19 Prozent der drittgrößte Verursacher von Treibhausgasemissionen in Deutschland war. (1) Zu den direkten CO2-Emissionen kommen die Freisetzung schädlicher Stickstoffoxide, die nicht nur unsere Gesundheit, sondern mit ihrer überdüngenden und übersäuernden Wirkung auch unsere Ökosysteme (Gewässer, Grundwasser und Boden) belasten, und Feinstaub, für den das Gleiche gilt (2).

Doch unsere Mobilität auf den Straßen hat nicht nur Auswirkungen auf die Ökosysteme, das Klima und die Gesundheit der Menschen hierzulande, sondern auch auf afrikanische Staaten. Und diese beginnen schon, bevor das Auto überhaupt auf den Straßen fährt.

Wo das Leben deutscher Autos beginnt

Rohstoffe wie Stahl, Aluminium und andere Metalle werden in großen Mengen in deutschen Autos verarbeitet. Die deutsche Industrie insgesamt, aber die deutsche Automobilindustrie im Besonderen ist dabei zu fast 100 Prozent auf Importe angewiesen, die zu einem Großteil aus afrikanischen Ländern eingeführt werden. So wird etwa das für die Aluminiumproduktion wichtige Bauxit zu mehr als 90 Prozent aus Guinea nach Deutschland importiert.

E-Autos, die so wichtig gehandelten Bausteine für eine klimagerechte Mobilitätswende, verschärfen diese Rohstoffabhängigkeit noch einmal. Zwar weisen sie auf den ersten Blick eine bessere Klimabilanz auf als Autos mit Verbrennungsmotoren, doch geht mit der Elektromobilität eine massiv steigende Nachfrage nach Materialien wie Lithium, Kobalt, Graphit und Nickel einher. So wird zum Beispiel für die Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien Kobalt benötigt, das als Nebenprodukt der Kupferförderung zu einem großen Teil in der DR Kongo gewonnen wird. (2)

Umwelt- und Menschenrechtsverletzungen durch unsere Mobilität

Der Abbau dieser Rohstoffe ist nicht nur besonders energieintensiv und damit klimaschädlich, er bringt auch vielfältige und gravierende Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen mit sich. Durch den erhöhten Bedarf und der damit einhergehenden Ausweitung des Bergbaus vor Ort kommt es zu Abholzungen, Bodenzerstörung, Vergiftung von Flüssen und Grundwasser sowie Schadstoffemissionen. Das bedeutet unter anderem, dass das Land für die Bewirtschaftung durch die weitgehend ländliche Bevölkerung nicht mehr nutzbar ist und Siedlungsgebiete sowie natürliche Schutzzonen kaum noch zur Verfügung stehen. Angemessene Entschädigungen für den Verlust von Ackerflächen, Wasser und anderen Ressourcen an die ansässige Bevölkerung wird jedoch selten gezahlt. Stattdessen werden sie zum Teil gewaltvoll umgesiedelt und Informations- und Beteiligungsrechte der Anspruchsgruppen missachtet. Proteste gegen dieses Vorgehen werden in vielen Fällen unterdrückt und Menschenrechtsverteidiger*innen verfolgt oder gar getötet. (2) Mehr zu den Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit in Minen erfahren Sie hier.

Das Ende auf europäischen und der Anfang auf afrikanischen Straßen

Wo das Leben unserer Autos unter so schlechten Bedingungen beginnt, dort endet es auch oft. Laut einer 2018 veröffentlichten Studie des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) wurden zwischen 2015 und 2018 weltweit 14 Millionen gebrauchte Autos und Kleintransporter exportiert, wobei mehr als die Hälfte der Altfahrzeuge nach Afrika ging. (3) Die Studie zeigt, dass etwa 80 Prozent dieser exportierten Gebrauchtwagen die in den Exportländern geltenden Standards für Sicherheit und Schadstoffwerte nicht erfüllen. Bestandteile wie Filter, Airbags oder Katalysatoren wurden entweder entfernt oder funktionieren nicht mehr. (4) Sie tragen damit erheblich zur Luftverschmutzung bei und verstärken die Auswirkungen der Klimakrise. Doch die Nachfrage nach Gebrauchtwagen in Afrika bleibt hoch, da kaum Alternativen zum individualisierten Nahverkehr gegeben sind. Viele Bahnstrecken sind stillgelegt und das Fahrradfahren ist aufgrund der Masse von Autos nicht selten gefährlich. (3)

Um dem Problem entgegenzuwirken haben mehrere afrikanische Länder bereits Richtlinien erlassen. Ghana beispielsweise begrenzt den Import von Fahrzeugen, die in einem schlechten Zustand sind (5) und Südafrika ist eines von insgesamt vier Ländern Afrikas, die den Import von Gebrauchtwagen vollständig verbieten (4). Einige Wissenschaftler*innen sehen in einem Exportstopp von Gebrauchtwagen jedoch auch keine Lösung, da selbst importierte Neuwagen in kürzester Zeit nicht mehr den hierzulande bestehenden Standards entsprechen. Der Grund dafür ist, dass es vor Ort oft an solider Wartung in Fachwerkstätten und Abgasuntersuchungen fehlt. (3)

Die Lösung? Weniger Autos, mehr ÖPNV

Eine Mobilitätswende, in der es nur um Antriebsalternativen geht, ist nicht zielführend und in Deutschland trägt der Verkehrssektor bisher als einziger kaum zu den CO²-Einsparungen bei.

Für eine klimafreundliche und mit den Menschenrechten im Einklang stehende Fortbewegung ist ein Umdenken auf den Straßen erforderlich, hin zu weniger Autos und einem massiven Ausbau des öffentlichen Nahverkehres, Fahrradwegen und Fußgängerzonen. Das gilt für Deutschland ebenso wie für afrikanische Länder.

Weitere Vorteile einer Mobilitätswende

Eine ernsthafte Mobilitätswende würde deutlich mehr Lebensqualität in die Städte bringen. Menschen würden wieder im Mittelpunkt stehen und nicht Fahrzeuge. Statt Parkplätzen könnte es mehr und breitere Fahrradwege sowie zusätzliche Grünflächen geben, statt befahrener Straßen autofreie Spielstraßen. Frische und saubere Luft, mehr Grünanlagen und weniger Lärm würden mehr Menschen zum Verweilen draußen einladen. Der öffentliche Raum wäre wieder für alle gut und sicher nutzbar. Zudem wirken sich eine bessere Luftqualität und ein niedrigerer Lärmpegel positiv auf die Gesundheit der Menschen, als auch auf die der Tiere und Pflanzen aus. Auch die Verkehrsunfälle würden stark zurückgehen.

Quellen

(1) Umweltbundesamt: „Klimaschutz im Verkehr“ (März 2022)

(2) Brot für die Welt/ Misereor/ PowerShift: „Weniger Mobilität, mehr globale Gerechtigkeit“ (September 2021)

(3) Süddeutsche: „Gebrauchtwagen-Exporte – Ab nach Afrika.“ (März 2021)

(4) DW: „Gebrauchtwagen – Zu dreckig für Deutschland, noch gut für Afrika?“ (November 2020)  

(5) Deutschlandfunk: „Afrika als Europas Schrottplatz“ (November 2020)

(Verfasst am 17.05.2022)