GFA-Reise nach Kenia 2015

Lesen Sie den Reisebericht der Kenia-Reise mit derMusikerin Ivy Quainoo und dem Moderator Jenke von Wilmsdorff und erfahren Sie mehr über die Projektarbeit unserer Mitgliedsorganisationen vor Ort.
GEMEINSAM FÜR AFRIKA-Reise nach Kenia ins Flüchtlingscamp Kakuma_©GEMEINSAM FÜR AFRIKA

GFA-Reise nach Kenia 2015

Vom 30. August bis 4. September 2015 waren wir zusammen mit der Musikerin Ivy Quainoo und dem Moderator Jenke von Wilmsdorff in Kenia. Um der Frage nach Fluchtursachen nachzugehen, besuchten wir unter anderem das Flüchtlingscamp Kakuma im Nordwesten des Landes. Welche Stationen wir außerdem besucht haben, erfahren Sie in diesem Projektreisebericht.

Allein in Afrika südlich der Sahara sind fast 15 Millionen Menschen auf der Flucht. Was zwingt diese Menschen dazu, ihre Heimat, ihr Hab und Gut und manchmal sogar ihre Familien zurückzulassen? Wie ist ihr Leben im Flüchtlingscamp und welche Hoffnungen und Wünsche haben sie für ihre Zukunft?

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, war unsere Kollegin Daniela zusammen mit unseren prominenten Unterstützer*innen, der Musikerin Ivy Quainoo und dem Schauspieler und Moderator Jenke von Wilmsdorff in Kenia unterwegs und besuchte unter anderem das Flüchtlingscamp Kakuma im Nordwesten des Landes. Fast 200.000 Menschen aus über 20 verschiedenen Nationen suchen dort Schutz.

Video zur Reise:

Hier berichtet Daniela von ihren Erlebnissen und persönlichen Eindrücken der Reise:

30. August 2015 – Tag 1

Die Flüchtlingsfrage bewegt aktuell die ganze Republik. Abschottung an den Grenzen, Verteilungsquote, Protestaktionen der Bevölkerung, ehrenamtliches Engagement, Ausstattung der Flüchtlingsunterkünfte usw. sind derzeit die Themen, mit denen sich die Menschen in Deutschland beschäftigen.

Mich bewegt die Frage nach den Geschichten der Menschen, die flüchten und ihr ganzes Leben hinter sich lassen. Was sind ihre Gründe, ihre Ängste? Was erhoffen sie sich von der Zukunft? Dafür bin ich hier, zusammen mit einem Team aus Kameraleuten, Journalist*innen, Fotograf*innen und Vertreter*innen von Hilfsorganisationen. „Hier“ heißt Kenia, Nairobi, und das Flüchtlingscamp Kakuma nahe der Grenze zum Südsudan.

Ich fühle mich hin und her gerissen: Mir ist es wichtig, die Geschichten der Menschen zu hören und zu verstehen: Warum verlässt man seine Heimat, seine Freund*innen. Gleichzeitig begleitet mich ein fast beschämendes Gefühl. Mir geht es gut, ich lebe in Frieden. Meinen Kindern geht es gut. Und nun reise ich mal eben in ein Flüchtlingscamp und treffe Menschen und ihre Geschichten, um ihnen nach wenigen Tagen wieder den Rücken zu kehren und in den Flieger nach Hause zu steigen.

Heute verdränge ich diese Gedanken erst mal auf morgen und bereite mich auf die Reise vor. Sicherheitsbriefing durch das UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, und die letzten Besorgungen machen: SIM-Karte kaufen, Geld wechseln und alle Geräte aufladen, damit das Blogschreiben auch in Kakuma funktioniert.

Morgen geht es früh los: Um 3:30 Uhr aufstehen und dann ab nach Lodwar, einen kleinen Flughafen im Norden des Landes. Von dort aus fahren wir dann mit dem Jeep weiter ins Camp.

31. August 2015 – Tag 2

Heute Morgen um 3:30 Uhr ging es los zum Flughafen und mit einer kleinen Linienmaschine nach Lodwar im Nordwesten des Landes. Von dort per Auto weiter nach Kakuma …

Kakuma, das zweitgrößte Flüchtlingscamp Kenias

In Kakuma, dem zweitgrößten Flüchtlingscamp Kenias, leben mindestens 200.000 Menschen. Jeden Tag kommen dort Menschen an, die ihre Heimat verlassen mussten. Momentan kommen die meisten Flüchtlinge aus dem Südsudan. Insgesamt leben Menschen aus über 20 Nationen in Kakuma. Das führt hin und wieder auch zu Spannungen zwischen den unterschiedlichen ethnischen Gruppen.

Das Camp besteht bereits seit 1992. Daher wohnen die Menschen dort vor allem in permanenten Unterkünften, die meisten sind aus Lehm gebaut und keine Zelte.

Wie ist das Leben im Flüchtlingscamp geregelt?

Am Morgen haben wir das Registrierungs-Zentrum des UNHCR besucht. Dort werden die neu ankommenden Menschen als Flüchtlinge erfasst. Damit erhalten sie bestimmte Rechte und Pflichten. Zu den Rechten gehört zum Beispiel der Zugang zu medizinischer Versorgung, Schulbildung, Nahrungsmitteln und Trinkwasser. Um die Verteilung zu regeln, werden oft Ausweise vergeben. Der oder die Inhabende erhält gegen Vorlage des Ausweises Nahrungsmittelzuteilungen und andere Artikel für die Grundversorgung.

Da viele Menschen einen langen und entbehrungsreichen Weg hinter sich haben, werden dort auch Notfälle und akute Krankheiten behandelt. Es wird Trinkwasser verteilt und Kinder werden gegen Masern und Kinderlähmung geimpft. Damit wird einer Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten im Flüchtlingslager vorgebeugt. Die meisten Neuankömmlinge bleiben zwei bis drei Wochen in einem sogenannten Übergangszentrum, bis ihnen eine Unterkunft im Flüchtlingscamp zugewiesen wird. Besonders bewegt hat mich, dass so viele Kinder ohne ihre Eltern in Kakuma ankommen: 13.000 Kinder kamen 2014 ohne Eltern an, aber immerhin in Begleitung von Tanten, Nachbar*innen oder anderen Familienmitgliedern. 2.800 Kinder kamen ganz allein.

Ivy war tief berührt von den Kindern, die sie dort traf: „Es ist schon krass, sich vorzustellen, dass sich Zehnjährige alleine auf den Weg machen und den Weg aus einem Kriegsgebiet bis nach Kakuma schaffen.“ Sie sprach mit einem Jungen, der gerade zusammen mit seiner älteren Schwester aus dem Südsudan angekommen war. Sein Vater hatte die Familie verlassen und sich den Rebellen angeschlossen. Wo die Mutter ist, wissen die Kinder nicht. Auf der Flucht hatte sich der Junge ein Bein gebrochen, das Gott sei Dank wieder verheilt ist. Sonst hätte er es wohl kaum bis Kakuma geschafft.

Geld verdienen im Flüchtlingscamp

Am Nachmittag haben wir dann zwei Projekte innerhalb des Flüchtlingscamps besucht. Diese verschaffen den Bewohner*innen Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten. In einem der Projekte werden Kochherde aus Lehm gefertigt, die an andere Bewohner*innen des Camps verteilt werden. Die Gemüsegärten, ein Projekt gefördert vom UNHCR, bieten außer einem kleinen Einkommen auch die Chance, dass sich die Menschen selbst an der Ernährung ihrer Familie beteiligen. Dies steigert ihr Selbstwertgefühl – sie fühlen sich gebraucht und erlernen neue landwirtschaftliche Techniken.

Ausgewogene Ernährung für die Familie

Zudem ermöglicht der Gemüseanbau eine vielseitigere Ernährung. Denn die Nahrungsmittelhilfe über das Welternährungsprogramm (WFP) versorgt die Menschen zwar mit dem Nötigsten, schafft jedoch keine ausgewogene Ernährung. Außerhalb der Gemüsegärten ist der Boden in Kakuma sehr trocken und schlecht für den Anbau geeignet – zumal jede*r Campbewohner*in auch nur über eine bestimmte Menge Wasser am Tag verfügen kann. Insgesamt beteiligen sich ca. 7.000 Familien an dem Gemüsegarten-Projekt. Angepflanzt werden beispielsweise Kohl, Spinat, Bohnen, Amaranth, Okraschoten und Auberginen – ein kleines grünes Paradies in der sonst so ausgedörrten Landschaft. Überschüsse werden auf den Märkten im Camp verkauft und verschaffen ein kleines Einkommen.

1. September 2015 – Tag 3

Heute Morgen beim Frühstück haben alle fleißig Brote für die Lunchpakete geschmiert, die wir mit zu unserem Tagesausflug in ein Johanniter-Projekt in der Region Turkana West mitnehmen wollen.

Doch vor dem Aufbruch haben wir noch die Hauptklinik im Flüchtlingscamp besucht, die ebenfalls von unserer Mitgliedsorganisation, der Johanniter Unfall-Hilfe, gefördert wird.

Gesundheitsfürsorge im Flüchtlingscamp

In der Klinik werden alle möglichen Krankheiten und Verletzungen behandelt, rund 150 Patienten am Tag. Die häufigsten Krankheiten in Kakuma sind Atemwegserkrankungen, Durchfall und bei Regen Malaria. Rund ein Dutzend Ärzt*innen und weiteres medizinisches Personal kümmern sich um die Patient*innen.

Augenlicht retten

Es gibt sogar Zahnärzt*innen und Ärzt*innen, die auf die Behandlung von Augenkrankheiten spezialisiert sind. Fachgerechte Augenbehandlungen sind rar in Kenia. Ähnlich sieht es beim Personal für Augenheilkunde aus. Doch gerade in den trockenen Regionen gehören Augeninfektionen zu den häufigsten Krankheiten. Werden diese nicht behandelt, erblinden viele Menschen, obwohl das mit einer relativ einfachen Behandlung eigentlich vermeidbar wäre.

Über 20.000 Augenoperationen wurden in der Klinik in den letzten vier Jahren durchgeführt, 10.000 davon von der Johanniter-Auslandshilfe. Neben den Camp-Bewohner*innen können auch Menschen aus den umliegenden Dörfern die Klinik aufsuchen.

Ausflug ins Umland: Fluchtursachen bekämpfen

Jetzt machen wir uns auf den Weg nach Turkana West, wo wir ein Projekt zur Bekämpfung von Fluchtursachen der Johanniter-Auslandshilfe besuchen. Plötzlich kommt der lang ersehnte Regen – gut für die Menschen hier, schlecht für unser Vorankommen, denn die Straßen verwandeln sich schlagartig in Schlammpisten. Wir quälen uns endlose 20 Kilometer durch den Matsch, bis wir schließlich sogar stecken bleiben. Drei Stunden dauert es, bis wir die Autos wieder freibekommen, dann müssen wir umkehren. Sehr schade …

Zurück in Kakuma besuchen wir die Mütterstation der Johanniter-Auslandshilfe im Camp, wo pro Woche rund 100 Kinder zur Welt kommen. Dort erwarten uns 15 strahlende Mütter mit ihren Säuglingen. Wir fühlen das Glück der Mütter. Jedes Neugeborene ist ein neuer Lichtblick. Dennoch wissen wir, dass den Müttern harte Zeiten bevorstehen. Werden sie das Camp jemals verlassen können? Werden sich die Wünsche und Hoffnungen ihrer Kinder erfüllen?

Da ist Angela mit ihrem Baby Yamal, das vor drei Tagen auf die Welt gekommen ist. Es ist ihr erstes Kind. Sie kam schwanger mit ihrer Mutter Elisabeth aus Juba im Südsudan nach Kakuma. Sie mussten vor den Kämpfen dort flüchten. Und Maria mit dem Baby Hero, ihrem dritten Kind. Maria ist 27. Sie lebt schon seit 15 Jahren in Kakuma. Ihre Familie hat 15 Mitglieder, die alle zusammen in einem Lehmhäuschen leben. Sie flohen vor dem Bürgerkrieg in Somalia.

Fußball ist überall

Am Spätnachmittag besuchen wir das Finale der Camp-Liga im Fußball. Zwei Teams kämpfen verbissen auf dem staubigen Platz um den Pokal. Außen herum stehen und sitzen die Fans in der untergehenden Sonne und feuern ihre Teams an – wir mischen uns unter sie.

Abschluss eines ereignisreichen Tages

Beim Abendessen auf dem UNHCR-Compound reden alle wild durcheinander. Wir haben viel erlebt heute. Alle aus der Gruppe wollen sich austauschen, ihre Eindrücke schildern und von ihren Gesprächen mit den Menschen in Kakuma erzählen.

2. September 2015 – Tag 4

Erste Station des Tages war die Nahrungsmittelausgabe im Flüchtlingscamp. Hier verteilt das Weltrnährungsprogramm (WFP) mit Hilfe von Ausweisen Lebensmittelrationen an die Camp-Bewohner*innen. Auch 72 Geflüchtete arbeiten hier und können etwas Geld verdienen.

Wie werden die Nahrungsmittel verteilt?

4.000 bis 5.000 Menschen kommen täglich zur Nahrungsmittelausgabe. Jedem Einzelnen stehen Lebensmittel für 1.400 Kalorien am Tag zu, Mütter mit Kindern unter sechs Monaten erhalten etwas mehr. Im Monat können das beispielsweise 6 Kilogramm Mais oder Reis, 1 Liter Öl, Bohnen, Salz sowie Hygieneartikel, wie Seife sein. Zudem stehen jeder und jedem Camp-Bewohner*in 15 Liter Trinkwasser pro Tag zu.

Auch Mariam und ihre beiden Töchter Assya und Nora stehen heute für Reis an. Sie sind vor sieben Jahren vor den Rebellen aus der DR Kongo geflohen. Zwei von Mariams Kindern wurden getötet. Mariam und ihre Töchter sind froh, in Kakuma Schutz zu finden. Doch das Leben hier ist nicht einfach. Es gibt kaum Arbeit, deshalb können sie kein Geld verdienen. Zudem werden die Lebensmittelrationen immer knapper.

Ausbildung im Flüchtlingscamp

Danach geht es weiter in eines der drei Ausbildungszentren unserer Mitgliedsorganisation Don Bosco Mondo. 3.000 Trainees werden hier jährlich ausgebildet, 1.000 davon sind Mädchen. Seit 20 Jahren können Jugendliche hier eine Berufsausbildung machen. Angeboten werden einjährige Programme in Englisch, Informatik, Schreinerei, Schneiderei, Elektrik, Elektronik, Werkzeug- und Kfz-Mechanik, Mauern, Sanitärinstallationen, Schweißen und Büromanagement. Neben der beruflichen Ausbildung werden den Jugendlichen auch soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Verantwortungs- und Selbstbewusstsein vermittelt.

Die Ausbildung soll die Geflüchteten auf ein Leben nach dem Camp – in ihrem Heimatland oder außerhalb des Flüchtlingslagers – vorbereiten. Außerhalb des Camps ist ein weiteres Ausbildungszentrum geplant, in dem auch Menschen, die in der Region wohnen, Kurse belegen können.

Für Kinder wird Unterricht in den Fächern Englisch, Kiswahili, Mathematik sowie Hygieneschulungen angeboten. Traumatisierte Kinder und Jugendliche können zudem an einer Kunsttherapie teilnehmen.

Warum fliehen Jugendliche aus hrer Heimat? Was wünschen sie sich für ihre Zukunft?

Die 18-jährige Violett macht eine Schneiderausbildung bei Don Bosco. Vor zwei Jahren floh sie mit ihren beiden älteren Brüdern aus Burundi. Rebellen hatten ihr Dorf überfallen. Bis heute weiß sie nicht, wo ihre Eltern sind. Violett freut sich, dass sie die Chance hat, eine Ausbildung zu machen, auch wenn sie innerhalb des Camps ohne eigene Nähmaschine und Stoffe vermutlich keine Arbeit finden wird. Doch sie hofft darauf, eines Tages in ihre Heimat zurückkehren zu können. Momentan sieht es allerdings nicht so aus, als würde sich die Sitution dort bald ändern.

Auch Tuacj, 21, aus Juba im Südsudan musste seine Heimat aufgrund von kriegerischen Konflikten verlassen. Im April 2014 war er gerade in der Schule, als Soldaten das Gebäude umstellten und die Schüler*innen gefangen nahmen. Sie wurden eingesperrt und konnten draußen Schüsse hören. Tuacj gelang es, sich nach einigen Stunden zu befreien. Er lief nach Hause, doch sein Elternhaus stand in Flammen. Von seinen Eltern, fünf Brüdern und zwei Schwestern keine Spur. Unter Beschuss rannte er ins nahe gelegene UN-Camp, wo er vorläufig Schutz fand. Dann wurde er in das Flüchtlingscamp Kakuma in Kenia verlegt. Bis heute weiß er nicht, was aus seiner Familie geworden ist: „Ich möchte Maurer werden. Ich möchte Geld verdienen, damit ich meine Eltern und sieben Geschwister suchen und finden kann. Ich wurde von ihnen getrennt, als die Kämpfe in unser Dorf kamen. Ich wünsche mir, dass wir irgendwann alle wieder zusammen in unsere Heimatstadt Juba im Südsudan gehen können.“

3. September 2015 – Tag 5

Im Flüchtlingscamp gibt es über 40 Grundschulen. Und dennoch sind die meisten von ihnen völlig überlastet. Die Lehrer müssen in Schichten arbeiten. Doch die Kinder und Jugendlichen sind ausgesprochen wissbegierig. Nicht alle von ihnen hatten in ihren Heimatländern die Möglichkeit, zur Schule zu gehen.

Hier wissen alle: Bildung ist die Voraussetzung für alles!

Wir haben heute eine Grundschule in Kakuma 4 besucht. Hier sind die Schulen noch überfüllter als in Kakuma 1-3, da dieses Camp das neueste ist und daher die Infrastruktur noch nicht so gut ausgebaut werden konnte. Die Bewohner*innen sind vor allem Südsudanesen, die 2014 vor bewaffneten Konflikten und Hunger nach Kakuma geflohen sind. Insgesamt gehen 7.687 Kinder (5.343 Jungen und 2.344 Mädchen) auf diese Schule. Teilweise sind bis zu 250 Schüler*innen in einer Klasse, neue Klassenräume werden dringend benötigt. Selbst der Lehrer passt kaum noch in den Klassenraum und muss oft ganz nah an der Tafel stehen. Bis zu 70 Kinder teilen sich ein Lehrbuch (zum Vergleich: in Kakuma 1-3 teilen sich fünf Schüler*innen ein Buch). Unterrichtet werden die Fächer Kiswahili (Landessprache), Englisch, Mathematik, Sozialkunde und Religion. Die Grundschule dauert insgesamt acht Jahre.

Darüber hinaus gibt es drei bis vier weiterführende Schulen und die Berufsausbildungszentren. Viele Jugendliche sind gut ausgebildet, doch die Chancen auf Arbeit im Camp sind schlecht. Hoffnung bieten die DAFI-Stipendien (Deutsche Akademische Flüchtlingsinitiative Albert Einstein). Sie bieten die Möglichkeit auf Ausbildung oder Studium  und eine berufliche Zukunft. Doch es gibt Tausende Bewerber*innen. 300 von ihnen, die alle Kriterien erfüllen, kommen in die engere Auswahl. Insgesamt werden in Kakuma 15 Stipendien vergeben. Eine der weiterführenden Schulen haben wir heute besucht. 1.530 Schüler gehen hier in den Unterricht, die meisten von ihnen sind Jungen (1.217), da Mädchen oft jünger heiraten und dann die Schule verlassen. Der Unterricht ist gebührenfrei, doch die Schuluniformen für die Kinder müssen die Eltern selbst bezahlen. Um die Motivation zu erhöhen, auch Mädchen in die Schule zu schicken, erhalten sie ihre erste Uniform umsonst.

Nach dem Besuch der Schulen sind wir drei Stunden mit dem Auto von Kakuma zurück zum Flughafen nach Lodwar durch die karge Landschaft gefahren und von dort zurück nach Nairobi geflogen. Dort erwartete uns wieder Großstadt pur: Wahnsinnig viel Stau und außerdem war es viel kälter – nur 17 °C. Nach 40°C in Kakuma ein kleiner Schock! Abends beim Auspacken habe ich dann einen kleinen Frosch in meinem Rucksack entdeckt, der mit mir als blinder Passagier in die Großstadt eingewandert ist.

4. September 2015 – Tag 6

Nach dem Frühstück treffen wir Felix Kaloki, den Länderkoordinator unserer Mitgliedsorganisation Kindernothilfe. Mit ihm zusammen kämpfen wir uns erneut durch die verstopften Straßen Nairobis bis in den Stadtteil Pumwani. Dieser besteht aus sechs Slums, die insgesamt rund 50.000 Menschen beherbergen. Dort arbeitet die Kindernothilfe seit vielen Jahren mit ihrer Partnerorganisation, dem St. John‘s Community Centre (SJCC), zusammen.

Diese nimmt die Probleme der Bewohner*innen von Pumwani ernst: Arbeitslosigkeit, niedriger Bildungsstand, schlechte Gesundheit, mangelnde Hygiene, Misshandlung und Missbrauch von Kindern. Als Ausweg vor den Problemen innerhalb der Familien „flüchten“ viele Jugendliche zu gewalttätigen Straßengangs, Mädchen werden häufig sehr jung verheiratet.

Das St. John‘s Community Centre setzt sich dafür ein, Gemeindestrukturen zu stärken, Kinderrechte effektiv zu fördern und zu schützen und die Beteiligung von Kindern dabei zu stärken. Benachteiligten Kindern und Jugendlichen sollen ihre Fähigkeiten aufgezeigt werden, sodass sie sich selbstständig eine nachhaltige Lebensgrundlage schaffen können.

Kinderparlamente im Einsatz für Kinderrechte

Einige der Schüler aus dem Kinderclub der Selbsthilfegruppen am St. John‘s sind Mitglied eines Kinderparlaments. Davon gibt es in Kenia inzwischen etwa 50. Jede größere Stadt hat eins, 17 davon gibt es allein in der Hauptstadt Nairobi. Viele liegen in den Armenvierteln. Kinderparlamente sind natürlich keine Regierungsparlamente, sie funktionieren aber nach deren Vorbild. Jedes hat etwa 40 Mitglieder, eine*n Präsident*innen, Stellvertreter*in, Bürgermeister*in, Sekretär*innen oder Senator*innen und natürlich Abgeordnete. Die sind zwischen acht und 14 Jahre alt, Jungen und Mädchen sind gleichberechtigt vertreten. In ihren Sitzungen lernen sie etwa, wie man politisch diskutiert oder demokratisch abstimmt. Kinderparlamente können zwar keine Gesetze beschließen. Trotzdem aber bewirken sie etwas. Kinder interessieren sich für Politik. Zudem sind sie von den Kindern aus ihrer Gegend gewählt und sollen bei den Erwachsenen dafür sorgen, dass Kinderrechte beachtet werden.

Wir durften eines der Kinderparlamente besuchen. Im Gespräch mit den Kindern und Jugendlichen hat uns besonders interessiert, was sie später für einen Beruf erlernen wollen. Die meisten von ihnen wissen, was sie wollen, und haben ehrgeizige Ziele: Pilot oder Pilotin, Lehrer*in, Arzt oder Ärztin, Ingenieur*in, Polizist*in, Buchhalter*in, Schauspieler*in und Tänzer*in wurden als Berufswünsche genannt.

Danach konnten sie  uns Fragen stellen. Interessiert hat sie beispielsweise, wie das Wetter bei uns ist, ob wir von einem König oder einem Präsidenten regiert werden und ob es auch bei uns Slums gibt.

Recht erschöpft von den ereignisreichen Tagen und voller neuer Eindrücke ging es am Abend dann zurück nach Deutschland:

Kwaheri Kenia! #GFAReise

 

Posted by GEMEINSAM FÜR AFRIKA am Freitag, 4. September 2015